Über das Projekt

Carbon Risk Management (CARIMA)

‘Carbon Risks’ und ‘Financed Emissions’ von Finanztiteln und Portfolios – Quantifizierung, Management und Reporting auf der Basis von Kapitalmarktdaten

Der Klimawandel ist ein Faktum. Das Bewusstsein für globale Klimarisiken der meisten Regierungen der Welt führte inzwischen zu zahlreichen Gesetzen und Regulierungen, die die Entwicklung der Wirtschaft in Richtung einer „Green Economy“ vorgeben. Zugleich wächst bei vielen Kapitalanlegern das Bewusstsein für umweltfreundliche Kapitalanlagen. Aktuell werden riesige Vermögen umgeschichtet – weg von Investitionen in die „Brown Economy“, hin zu Investitionen in die „Green Economy“. Beide Entwicklungen haben weitreichende und aktuell schwer absehbare Folgen für die Wirtschaft und führen zu sich massiv ändernden und immer volatileren Vermögenswerten. Ein viel zitiertes Beispiel hierfür sind „Stranded Assets“, aus denen sogar das Risiko einer Finanzmarktblase resultiert, die „Carbon Bubble“. Daher ist es für alle Finanzmarktakteure von elementarer Bedeutung, die Chancen und Risiken, die mit dem Transformationsprozess der Wirtschaft hin zu einer „Green Economy“ verbunden sind, adäquat zu erfassen, zu managen und zu berichten. Der Lehrstuhl für Finanz- und Bankwirtschaft der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg stellt sich dieser Aufgabe seit 2015 im Rahmen des Forschungsbereichs „Carbon Risk Management“ (CARIMA). Es wird ein kapitalmarktbasiertes Verfahren entwickelt, das die Quantifizierung, das Management und das Reporting von Carbon Risks für Unternehmen und entsprechende Finanztitel und Portfolios ermöglicht. Grundlage ist ein Carbon Risk Factor, der „carboninduzierte“ Risiken und Chancen für potentiell alle Finanztiteln und Portfolios abbilden kann.

Klimawandel und Folgen

Der Klimawandel ist ein Faktum. Dies wurde in letzter Zeit in verschiedenen Arbeiten wissenschaftlich belegt. Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Fundierung des Klimawandels, den potentiellen Folgen sowie möglichen Maßnahmen zur Anpassung und Schadensbegrenzung. Die Berichte der 1., 2. und 3. Working Group des IPCC bekräftigen, dass der Klimawandel weitestgehend durch Treibhausgasemissionen getrieben ist (vgl. IPCC (2014)). Diese sind seit vorindustrieller Zeit aufgrund von Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum deutlich gestiegen (vgl. IPCC (2014)). Die Folgen des Klimawandels sind vielfältig und unvorhersehbar im Auftreten und ihrer Intensität: neben direkten finanziellen Verlusten durch extreme physikalische Wetterereignisse, wie Hitzewellen, Dürren und Wirbelstürmen, entstehen indirekte finanzielle Verluste durch die Transformation der Wirtschaft in Richtung einer Green Economy. Stern (2007) rechnet mit Verlusten von jährlich mindestens 5 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes, sollte die globale Erderwärmung auf 5 bis 6 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts steigen.

Weltweite regulatorische Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels

Die Klimakonferenz in Paris von 2015 und das daraus resultierende ratifizierte Klimaabkommen der 195 teilnehmenden Nationen fordert nun konkrete und umfassende Klimaschutzmaßnahmen aller Länder der Welt. Damit soll erreicht werden, dass die globale Jahresdurchschnittstemperatur gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter um weniger als 2 Grad Celsius steigt (2° Ziel) (vgl. UN FCCC (2015)). Regierungen handeln nun in vielfältiger Weise, um dieses 2° Ziel zu realisieren. Die EU etablierte dafür das Emissions Trading System (ETS) (vgl. European Commission (o. J.)), die Vereinigten Staaten von Amerika verabschiedeten den Clean Air Act, der Luftemissionen reguliert (vgl. EPA (o. J.)). Darüber hinaus werden beispielsweise verbindliche Standards für CO2-Emissionen von Automobilen und die Energieeffizienz von Gebäuden gesetzt (European Commission (2016)). Auch Emissionen von Kraftwerken sollen erheblich reduziert werden (Clean Power Plan der USA, EPA (2016)). Die vielfältigen Maßnahmen der Dekarbonisierung zeigen, dass der Transformationsprozess in Richtung einer Green Economy in vollem Gange ist.

Auswirkungen der Dekarbonisierung auf die Finanzwelt

Der Transformationsprozess der Wirtschaft in Richtung einer Green Economy hat weitreichende Folgen für die Finanzwirtschaft. Mit der Dekarbonisierung der Wirtschaft entstehen beispielsweise „Stranded Assets“, d.h. Vermögenswerte, die aufgrund von umwelt- und klimapolitischer Maßnahmen deutlich an Wert verlieren. Die noch hohen Preise dieser Vermögenswerte führen zur Gefahr des Vorliegens oder Entstehens einer neuen Finanzblase in Form der „Carbon Bubble“ (vgl. Carbon Tracker Initiative (2013)). Zudem müssen Unternehmen damit rechnen, dass Investoren vermehrt auf die Umweltverträglichkeit ihrer Investitionen achten (siehe hierzu z.B. die Portfolio Decarbonization Coalition (PDC), Sullivan/Petrovic/Fischer (2015)). Diese neuen Trends drängen Finanzmarktakteure dazu, mit dem Klimawandel verbundene Risiken in Zukunft adäquat zu erfassen und zu managen. Der Transformationsprozess der Wirtschaft betrifft potentiell alle Unternehmen und die korrespondierenden Finanztitel, wie Aktien, Kredite, Corporate Bonds und Fonds, über die die CO2-Emissionen von Unternehmen letztlich finanziert werden („Financed Emissions“).

Forschungsvorhaben

Unter Carbon Risks subsummieren wir alle finanziellen Chancen und Risiken für Unternehmen und die korrespondierenden Finanztitel und Portfolios, die in Verbindung mit dem Transformationsprozess der Wirtschaft in Richtung einer Green Economy auftreten. Ziel ist es, ein kapitalmarktbasiertes Verfahren zu entwickeln, das die Quantifizierung, das Management und das Reporting dieser Carbon Risks ermöglicht. So sollen u.a. die finanziellen Auswirkungen abgeschätzt werden können, die sich ergeben, wenn Unternehmen an emissionsintensiven Strategien festhalten, während sich die Wirtschaft zu einer „Low Carbon Economy“ transformiert (vgl. 2° Investing Initiative (2015)) – und umgekehrt.

Carbon Risk Factor

Das Carbon Risk quantifizieren wir über einen „Carbon Risk Factor (CRF)“. Dieser soll allen Finanzmarktakteuren helfen, Carbon Risks zu erfassen, zu managen und zu reporten. Der Carbon Risk Factor beruht u.a. auf unternehmensindividuellen CO2-Emissionen (und Äquivalenten), da diese ein wesentliches Regulierungskriterium sind. Darüber hinaus werden Indikatoren für die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen an den Transformationsprozess der Wirtschaft herangezogen, wie z.B. das Bewusstsein für den Klimawandel, Ziele für eine Emissionsreduktion und Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Für die Konstruktion des Faktors folgen wir der Logik von Fama/French (1993) und Carhart (1997). Wir bauen auf die mit Nobelpreisen ausgezeichneten Fundamente der Kapitalmarktforschung auf, wie dem Capital Asset Pricing Model (Sharpe (1964), Lintner (1965) und Mossin (1966)), der Portfolio Selection Theory (Markowitz (1952)) und der Option Pricing Theory (Black/Scholes (1973) und Merton (1973)).

Forschung und Praxis

Das Projekt CARIMA, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, soll nicht nur bestehende Lücken in der Forschung schließen. CARIMA soll auch potentiell allen Personen und Institutionen konkret helfen, mit diesen neuartigen wirtschaftlichen Risiken und Chancen richtig umzugehen – bzw. diese erst einmal zu erkennen. Dazu arbeiten wir eng mit unserem Projektpartner zusammen, dem Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten e.V. (VFU). Wir nutzen den Dialog mit allen Bereichen der Finanzindustrie, den Aufsichtsbehörden, der Politik sowie den Rating-Agenturen. Durch diesen ständigen Austausch mit der Finanzpraxis und parallelen Publikationen in Fachzeitschriften werden das Konzept und der Carbon Risk Factor transparent und offen zugänglich gemacht, sodass alle Finanzmarktakteure davon profitieren können.